Nutzen der Wertstromanalyse berechnen: ROI und Business Case

Vertiefung 9 Minuten Lesezeit · Stand 2026-10-27

Ein Soll-Zustand überzeugt die Geschäftsführung erst, wenn klar ist, was er bringt und was er kostet. Der Business Case trennt dabei drei Dinge, die gern vermischt werden: einmalig freigesetztes Kapital, laufende Einsparungen pro Jahr und Nutzen, der sich nicht seriös in Euro ausdrücken lässt. Alle Beträge im Beispiel sind Annahmen und als solche gekennzeichnet; ersetzen Sie sie durch Werte aus Ihrem Controlling.

Was in den Business Case gehört

Die Wertstromanalyse liefert die Mengengerüste: Bestände je Stufe, Zykluszeiten, Verfügbarkeit, Ausschuss, Mitarbeiterbedarf und Durchlaufzeit, jeweils für Ist und Soll. Der Business Case bewertet die Differenz. Ordnen Sie jeden Effekt genau einer Kategorie zu, dann wird nichts doppelt gezählt.

Bestand richtig bewerten

Bestand wird mit den Herstellkosten der jeweiligen Stufe bewertet: Material plus die bis dahin angefallene Fertigung. Ein Coil-Abschnitt ist weniger wert als ein montiertes Fertigteil. Wer den ganzen Abbau mit dem Endwert multipliziert, rechnet sich den Nutzen schön.

Gebundenes Kapital = Σ (Menge je Bestand × Herstellkosten je Teil auf dieser Stufe) Freigesetztes Kapital = gebundenes Kapital Ist − gebundenes Kapital Soll
Beispiel Lenkungshalter, Bestand ohne Kaufteile. Annahmen Herstellkosten je Teil: Coils 3,00 €, Stanzteile 3,50 €, Baugruppen und Geschweißt 5,00 €, Fertigwaren 8,00 €. Ist (10.380 Teile): 4.600 × 3,00 + 2.300 × 3,50 + 40 × 5,00 + 1.600 × 5,00 + 1.840 × 8,00 = 13.800 + 8.050 + 200 + 8.000 + 14.720 = 44.770 €. Soll (3.680 Teile): 1.380 × 3,00 + 920 × 3,50 + 1.380 × 8,00 = 4.140 + 3.220 + 11.040 = 18.400 €. Freigesetzt: 44.770 − 18.400 = 26.370 €. Zum Vergleich die Pauschalrechnung 6.700 Teile × 8,00 € = 53.600 €, also rund doppelt so viel.

Einmalige Liquidität und laufende Ersparnis trennen

Die 26.370 € fließen genau einmal zu, und zwar nur, wenn Bestellungen und Fertigungsaufträge tatsächlich reduziert werden. Sonst bleibt der Bestand einfach liegen. Der Abbau zieht sich über einige Wochen, bis die alten Bestände verbraucht sind.

Laufend spart das Unternehmen die Lagerhaltungskosten auf den abgebauten Wert: Kapitalkosten sowie Fläche, Handling, Versicherung und Veralterung. Viele Controlling-Abteilungen haben dafür einen Lagerhaltungskostensatz, der den Zins bereits enthält. Dann wird der Zins nicht noch einmal addiert.

Lagerhaltungskosten pro Jahr = freigesetztes Kapital × Lagerhaltungskostensatz
Annahme: Kapitalkosten 10 % plus sonstige Lagerkosten 10 % = Lagerhaltungskostensatz 20 % pro Jahr. 26.370 € × 20 % = 5.274 € pro Jahr. Ergebnisseitig Vorsicht: Wird Bestand an Halb- und Fertigfabrikaten abgebaut, lösen sich darin aktivierte Gemeinkosten auf. Das kann das Ergebnis im Jahr des Abbaus vorübergehend belasten; stimmen Sie das mit dem Controlling ab.

Produktivität: erst Mehrarbeit, dann Köpfe

Im Lenkungshalter-Beispiel ändert sich der Mitarbeiterbedarf nicht: Im Ist arbeiten je ein Mitarbeiter an Stanzen, Schweißen 1, Schweißen 2, Montage und Versand, im Soll einer am Stanzen, drei in der Zelle und einer im Versand, also jeweils fünf. Der Effekt liegt woanders: Die Ist-Montage ist langsamer als der Kundentakt.

Die effektive Zykluszeit der Montage beträgt 62 s ÷ (1 − 2 %) = 63,3 s und liegt damit über dem Kundentakt von 60 s. Für 920 Gutteile braucht die Montage 920 × 63,3 s = rund 58.200 s, also rund 970 Minuten statt der verfügbaren 920 Minuten. Das sind rund 50 Minuten Mehrarbeit pro Tag. Die Soll-Zelle liegt mit 56 s ÷ 95 % ÷ (1 − 1 %) = 59,5 s unter dem Kundentakt.

Annahme: Mehrarbeit kostet 45 € pro Stunde einschließlich Zuschlägen. 50 min × 220 Arbeitstage = 11.000 min = rund 183 Stunden pro Jahr; × 45 € = rund 8.250 € pro Jahr. Personalkosten zählen nur, wenn die Stunden tatsächlich wegfallen oder die Kapazität nachweisbar für zusätzliche Aufträge genutzt wird.

Qualität, Durchlaufzeit und Fläche

Ausschuss lässt sich gut bewerten, aber nur mit einer Maßnahme, die die Ursache beseitigt. Die Soll-Vorlage nimmt für die Zelle 1 % statt 2 % Ausschuss an. Für 920 Gutteile werden dann 920 ÷ 0,99 = 929,3 statt 920 ÷ 0,98 = 938,8 Teile gefertigt, rund 9,5 Teile weniger pro Tag oder rund 2.090 Teile pro Jahr. Mit der Annahme 8,00 € je Teil sind das rund 16.700 € pro Jahr. Führen Sie diesen Posten als Zielszenario, solange die Ursache nicht belegt beseitigt ist.

Die Durchlaufzeit sinkt von 11,3 auf 4,0 Tage. Das verbessert Reaktionsfähigkeit und Prognoseunabhängigkeit, bringt aber nur dann Euro, wenn Sie belegbare Kosten wie Sonderfahrten, Vertragsstrafen oder verlorene Aufträge haben. Frei werdende Fläche zählt nur, wenn sie anders genutzt wird, Miete entfällt oder ein geplanter Anbau unterbleibt.

Kosten der Maßnahmen und Amortisation

Zu den Kosten gehören Investitionen, externe Unterstützung und der interne Aufwand des Teams. Die statische Amortisation teilt die Kosten durch die laufende Ersparnis; die einmalige Liquidität wird, wenn überhaupt, getrennt ausgewiesen oder vorab von den Kosten abgezogen. Beide Sichten gehören offen nebeneinander.

Statische Amortisation [Jahre] = Kosten der Maßnahmen ÷ laufende Ersparnis pro Jahr mit Liquiditätseffekt = (Kosten − freigesetztes Kapital) ÷ laufende Ersparnis pro Jahr
Konservativ (Lagerhaltung 5.274 € + Mehrarbeit 8.250 € = 13.524 € pro Jahr): 55.000 ÷ 13.524 = 4,1 Jahre; mit Liquiditätseffekt (55.000 − 26.370) ÷ 13.524 = 28.630 ÷ 13.524 = 2,1 Jahre. Zielszenario mit Ausschuss (13.524 + 16.700 = 30.224 € pro Jahr): 55.000 ÷ 30.224 = 1,8 Jahre; mit Liquiditätseffekt 28.630 ÷ 30.224 = 0,9 Jahre. Legen Sie immer die konservative Rechnung zuerst vor.

Typische Fehler

Im Editor

Im Profi-Modus zeigt der Tab „Kosten“ das gebundene Kapital aus dem Wert je Stück, den Sie an jedem Bestand, Supermarkt und jeder FIFO-Bahn eintragen, und die Lagerhaltungskosten pro Jahr mit einem einstellbaren Satz (Vorgabe 10 %). An jedem Kaizen-Blitz lassen sich Investition und Einsparung pro Jahr erfassen; daraus berechnet der Editor die statische Amortisation in Monaten, ohne Liquiditätseffekt. Mit dem Ist/Soll-Vergleich stellen Sie die Kennzahlen eines gespeicherten Stands oder einer JSON-Datei gegenüber. Lassen Sie Kaufteile ohne Stückwert, wenn sie wie im Beispiel nicht Teil des Vergleichs sind.

Im Editor üben

Öffnen Sie die Soll-Vorlage, schalten Sie in den Profi-Modus und tragen Sie im Tab „Kosten“ einen Satz von 20 % sowie die Stückwerte der drei Supermärkte ein (Coils 3,00 €, Stanzteile 3,50 €, Fertigwaren 8,00 €). Das gebundene Kapital muss 18.400 € ergeben.

Vorlage im Editor öffnen Leer starten

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Häufige Fragen

Welcher Lagerhaltungskostensatz ist realistisch?

In der Praxis werden oft 15 bis 25 % pro Jahr angesetzt, Kapitalkosten eingeschlossen. Fragen Sie Ihr Controlling nach dem intern gültigen Satz und zählen Sie den Zins nur einmal.

Ist das freigesetzte Kapital ein Gewinn?

Nein. Es verbessert Liquidität und Cashflow einmalig. Ergebniswirksam sind nur die laufenden Einsparungen; der Abbau von Halb- und Fertigfabrikaten kann das Ergebnis im Abbaujahr sogar vorübergehend belasten.

Mit welchem Wert bewerte ich Bestände?

Mit den Herstellkosten der jeweiligen Stufe: Material plus die bis dahin angefallenen Fertigungskosten. Nicht mit dem Verkaufspreis und nicht pauschal mit dem Wert des Fertigteils.

Muss jede Maßnahme einzeln bewertet werden?

Für die Steuerung ja: Kosten, Einsparung, Verantwortliche und Termin je Maßnahme. Für die Gesamtrechnung zusätzlich die Summe prüfen, damit Effekte, die mehrere Maßnahmen gemeinsam erzeugen, nicht mehrfach gezählt werden.

Was mache ich mit Nutzen, der sich nicht in Euro ausdrücken lässt?

Als Kennzahl mit Ist- und Zielwert führen, zum Beispiel Durchlaufzeit 11,3 auf 4,0 Tage oder Lieferservicegrad. Ein Business Case wird glaubwürdiger, wenn er solche Effekte benennt, aber nicht in Euro umrechnet.

Selbsttest

1. Ein Bestandsabbau setzt 10.000 € frei, der Lagerhaltungskostensatz beträgt 20 % pro Jahr. Was ist richtig?
Das Kapital fließt einmal zu; jährlich wirken nur die Lagerhaltungskosten von 10.000 € × 20 % = 2.000 €.
2. Warum ist „6.700 Teile × 8 € Fertigteilwert“ als Bestandsnutzen zu hoch?
Bestände werden mit den Herstellkosten ihrer Stufe bewertet; im Beispiel ergibt das 26.370 € statt 53.600 €.
3. Das Controlling nutzt einen Lagerhaltungskostensatz von 20 % inklusive Zins. Die Kapitalkosten betragen 10 %. Welcher Satz gehört in die Rechnung?
Der Zins steckt bereits in den 20 %; 30 % wäre eine Doppelzählung.
4. Maßnahmen kosten 40.000 €, die laufende Ersparnis beträgt 16.000 € pro Jahr. Wie lang ist die statische Amortisation?
40.000 ÷ 16.000 = 2,5 Jahre.
5. Der Coil-Bestand sinkt, weil der Lieferant täglich liefert. Er hält dafür selbst mehr vor und erhöht den Preis. Was folgt für den Business Case?
Verschobener Bestand ist kein Nutzen für die Lieferkette; Mehrkosten beim Einkauf mindern die Ersparnis.

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