Push und Pull in der Produktion: Kanban, FIFO und Schrittmacher erklärt
Woher weiß eine Station, was sie als Nächstes produzieren soll? Die Antwort entscheidet über Bestand, Durchlaufzeit und die Zahl der Eilaufträge. Es gibt zwei Grundprinzipien: Push, bei dem ein Plan die Teile in die Produktion schiebt, und Pull, bei dem der Verbrauch sie zieht. Die Beispiel-Linie in dieser Lektion hat beides.
Video zur Lektion
Beispiel „Lenkungshalter“ angelehnt an den Lehrbuchfall aus Rother/Shook, Learning to See (LEI 1999). Beim Abspielen wird das Video von YouTube (Google) im erweiterten Datenschutzmodus geladen. Datenschutz
Video zum Nachlesen: Transkript (9 Kapitel)
Einstieg
Woher weiß eine Station, was sie als Nächstes produzieren soll? Die Antwort entscheidet, wie viel Bestand Sie haben, wie lang Ihre Durchlaufzeit ist und wie oft Eilaufträge durch die Halle gejagt werden. Es gibt zwei Grundprinzipien: Push und Pull. Und das Spannende: Unsere Beispiel-Linie hat beide.
Push und Pull im Vergleich
Push heißt: Ein Plan schiebt die Teile in die Produktion. Jede Station bekommt einen Auftrag und produziert, egal ob die nächste die Teile gerade braucht. Pull heißt: Der Verbrauch zieht. Nachproduziert wird nur, was die nächste Station oder der Kunde tatsächlich entnommen hat. Push arbeitet mit Prognosen, Pull mit echtem Verbrauch.
Push in der Praxis
Hier ist Push in Reinform. Die Produktionsplanung schickt Schweißen 2 einen Wochenplan, und die Station arbeitet ihn ab. Was die Montage nicht sofort braucht, landet im Lager dahinter: 1.600 geschweißte Teile, fast zwei Arbeitstage Reichweite. Ändert der Kunde seinen Abruf, liegen schnell die falschen Teile da, und die richtigen fehlen.
Pull mit Kanban
Und hier ist Pull. Zwischen Stanzen und Schweißen liegt ein Supermarkt. Schweißen 1 entnimmt dort Stanzteile, jeder Behälter mit 50 Stück trägt eine Kanban-Karte. Die Karte geht zurück zum Stanzen und ist der Auftrag, genau das Entnommene nachzuproduzieren. Kein Plan nötig, der Verbrauch steuert. Allerdings stanzt die Presse in Losen von 1.000 Stück, weil das Rüsten eine Stunde dauert. Pull allein ist also kein Wundermittel.
Die FIFO-Bahn
Dazwischen gibt es eine dritte Form: die FIFO-Bahn. Zwischen den beiden Schweißstationen dürfen höchstens 50 Baugruppen liegen. Was zuerst hineinkommt, wird zuerst weiterverarbeitet. Und ist die Bahn voll, hört Schweißen 1 auf. So bleibt der Bestand begrenzt, ganz ohne Supermarkt und ohne Karten.
Faustregel: was wo?
Wann nehmen Sie was? Die Faustregel: Wo Prozesse direkt hintereinander arbeiten können, lassen Sie die Teile fließen. Wo das nicht geht, weil Takt oder Losgrößen nicht zusammenpassen, nehmen Sie eine FIFO-Bahn mit Obergrenze. Und wo ein Prozess mehrere Kunden oder Varianten versorgt, einen Supermarkt mit Kanban. Einen Plan aus dem Büro bekommt dann nur noch eine einzige Stelle: der Schrittmacher.
Der Soll-Zustand
Genau so sieht der Soll-Zustand aus. Nur die Zelle aus Schweißen und Montage bekommt den Tagesplan, sie ist der Schrittmacher. Davor und danach regeln Supermärkte den Nachschub. Ein einziger Plan statt Wochenplänen an einzelne Stationen. Und der Bestand sinkt von 13.380 auf 3.680 Teile.
Einstieg für morgen
Ein Tipp für den Einstieg: Fangen Sie nicht mit Kanban für alles an. Suchen Sie die Stelle mit dem größten Push-Lager und begrenzen Sie es zuerst mit einer FIFO-Bahn: eine markierte Fläche, eine feste Obergrenze und eine klare Regel, was passiert, wenn sie voll ist. Zum Beispiel: Der Vorgänger stoppt und hilft beim Nachfolger aus. Das kostet fast nichts und zeigt sofort, wo der Fluss stockt.
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Push und Pull im Vergleich
Push heißt: Jede Station bekommt einen Auftrag aus der Planung und produziert, egal ob die nächste die Teile gerade braucht. Grundlage sind Prognosen. Pull heißt: Nachproduziert wird nur, was die nächste Station oder der Kunde tatsächlich entnommen hat. Grundlage ist der echte Verbrauch.
- Steuerung: Push mit Plänen an viele Stationen, Pull mit Signalen (Kanban-Karte, leerer Platz, volle FIFO-Bahn).
- Bestand: bei Push ungeplant und wachsend, bei Pull begrenzt und bewusst dimensioniert.
- Reaktion auf Änderungen: bei Push träge, weil Pläne neu gerechnet werden müssen; bei Pull direkt, weil nur das Entnommene nachkommt.
- Voraussetzung: Push braucht gute Prognosen, Pull braucht stabile Prozesse und kurze Rüstzeiten.
Warum Bestand die Durchlaufzeit bestimmt
Der Zusammenhang zwischen Bestand und Durchlaufzeit ist eine einfache Rechnung, bekannt als Little’s Law: Wer bei gleichem Durchsatz den Bestand im System halbiert, halbiert die Durchlaufzeit. Pull wirkt genau hier, weil es den Bestand zwischen den Prozessen nach oben begrenzt.
Push in der Praxis
In der Beispiel-Linie schickt die Produktionsplanung Schweißen 2 einen Wochenplan, und die Station arbeitet ihn ab. Was die Montage nicht sofort braucht, landet im Lager dahinter: 1.600 geschweißte Teile, fast zwei Arbeitstage Reichweite. Ändert der Kunde seinen Abruf, liegen schnell die falschen Teile da, und die richtigen fehlen. Typisches Zeichen für Push in der Wertstromkarte: ein Planungspfeil zu einer einzelnen Station mit großem Bestand dahinter.
Pull mit Supermarkt und Kanban
Zwischen Stanzen und Schweißen liegt ein Supermarkt. Schweißen 1 entnimmt dort Stanzteile; jeder Behälter mit 50 Stück trägt eine Kanban-Karte. Die Karte geht zurück zum Stanzen und ist der Auftrag, genau das Entnommene nachzuproduzieren. Ein Plan ist dafür nicht nötig, der Verbrauch steuert.
Pull allein ist aber kein Wundermittel. Die Presse stanzt in Losen von 1.000 Stück, weil das Rüsten eine Stunde dauert, und entsprechend groß ist der Supermarkt. Erst kürzere Rüstzeiten machen kleinere Lose und damit einen kleineren Supermarkt möglich.
Die FIFO-Bahn
Zwischen Push und Supermarkt liegt die FIFO-Bahn (first in, first out). Zwischen den beiden Schweißstationen dürfen höchstens 50 Baugruppen liegen. Was zuerst hineinkommt, wird zuerst weiterverarbeitet. Ist die Bahn voll, stoppt der Vorgänger. So bleibt der Bestand begrenzt, ganz ohne Karten und ohne Supermarkt. Voraussetzung ist, dass der Vorgänger dieselbe Reihenfolge fahren kann wie der Nachfolger.
Faustregel: was wo?
- Wo Prozesse direkt hintereinander arbeiten können: Fluss, ohne Bestand dazwischen.
- Wo Takt oder Losgrößen nicht zusammenpassen, die Reihenfolge aber gleich bleibt: FIFO-Bahn mit Obergrenze.
- Wo ein Prozess mehrere Kunden oder Varianten versorgt oder lange rüstet: Supermarkt mit Kanban.
- Einen Plan aus dem Büro bekommt nur eine einzige Stelle: der Schrittmacher.
Der Schrittmacher im Soll-Zustand
Im Soll-Zustand der Beispiel-Linie bekommt nur die Zelle aus Schweißen und Montage den Tagesplan. Sie ist der Schrittmacher. Davor regelt ein Supermarkt den Nachschub vom Stanzen, danach fließen die Teile in den Versand. Ein einziger Plan ersetzt die Wochenpläne an einzelne Stationen, und der Bestand im Wertstrom sinkt von 13.380 auf 3.680 Teile.
Einstieg für morgen
Fangen Sie nicht mit Kanban für alles an. Suchen Sie die Stelle mit dem größten Push-Lager und begrenzen Sie es zuerst mit einer FIFO-Bahn: eine markierte Fläche, eine feste Obergrenze und eine klare Regel, was passiert, wenn sie voll ist, zum Beispiel „Der Vorgänger stoppt und hilft beim Nachfolger aus“. Das kostet fast nichts und zeigt sofort, wo der Fluss stockt.
Im Editor üben
Vergleiche „Lenkungshalter (Ist-Zustand)“ und „Lenkungshalter (Soll-Zustand)“: Wo steht Push, wo Supermarkt, wo FIFO, und welcher Prozess ist der Schrittmacher?
Vorlage im Editor öffnen Leer startenHäufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Push und Pull?
Bei Push schiebt ein Plan die Aufträge an jede Station, auf Basis von Prognosen. Bei Pull wird nur nachproduziert, was der nächste Prozess oder der Kunde tatsächlich entnommen hat.
Ist Pull immer besser als Push?
Nicht immer. Pull braucht stabile Prozesse, wiederkehrenden Bedarf und kurze Rüstzeiten. Bei Einzelaufträgen oder sehr seltenen Varianten ist eine auftragsbezogene Steuerung mit FIFO oft sinnvoller als ein Supermarkt.
Was ist ein Supermarkt in der Produktion?
Ein begrenzter, gesteuerter Bestand, aus dem der Folgeprozess entnimmt. Jede Entnahme löst über eine Kanban-Karte die Nachproduktion aus.
Wann nimmt man eine FIFO-Bahn statt eines Supermarkts?
Wenn der vorgelagerte Prozess dieselbe Reihenfolge fahren kann wie der nachfolgende. Muss er in Losen oder anderer Reihenfolge produzieren, etwa wegen langer Rüstzeiten, braucht es einen Supermarkt.
Was ist ein Schrittmacherprozess?
Der eine Prozess, der den Kundenauftrag bekommt. Er gibt den Rhythmus vor: Davor wird per Pull nachgefüllt, danach fließt das Material bis zum Versand.