Soll-Zustand entwickeln: die 8 Fragen Schritt für Schritt am Beispiel

Vertiefung 14 Minuten Lesezeit · Stand 2026-10-27

Rother und Shook fassen das Wertstromdesign in acht Fragen, die Sie in fester Reihenfolge beantworten: erst Kunde und Takt, dann Fluss und Pull, dann Steuerung, zuletzt die nötigen Verbesserungen. Diese Lektion geht die Fragen einzeln am Lenkungshalter durch und rechnet jede Antwort nach. Am Ende stehen 4,0 statt 11,3 Tagen Durchlaufzeit und rund zwei Drittel weniger Bestand. Die Richtlinien selbst erklärt die Lektion zum Wertstromdesign; hier geht es um das Vorgehen.

Ausgangslage: der Ist-Zustand

Lenkungshalter links/rechts, 920 Stück pro Tag, zwei Schichten mit zusammen 920 Minuten Arbeitszeit. Fünf Prozesse: Stanzen (1 s, Rüstzeit 60 min, Los 1.000, Verfügbarkeit 85 %, EPEI 3 Tage), Schweißen 1 (39 s), Schweißen 2 (46 s, Verfügbarkeit 80 %), Montage (62 s, 2 % Ausschuss) und Versand. Dazwischen Coils für 5 Tage, Stanzteile für 2,5 Tage, eine FIFO-Bahn mit 40 Baugruppen, 1.600 geschweißte Teile (1,74 Tage) und Fertigwaren für 2 Tage.

Die Zeitlinie ergibt 11,3 Tage Durchlaufzeit bei 153 s Bearbeitungszeit. Bestand ohne Kaufteile: 4.600 + 2.300 + 40 + 1.600 + 1.840 = 10.380 Stück (Coils als Stück-Äquivalent gerechnet). Engpass ist die Montage mit 63,3 s effektiver Zykluszeit, Schweißen 2 liegt mit 57,5 s knapp darunter.

Ausführlich aufgebaut ist der Ist-Zustand in der Lektion /lernen/wertstromanalyse-beispiel/. Für den Soll-Zustand brauchen Sie nur die Datenkästen und die Bestände.

Frage 1 und 2: Kundentakt und Fertigwaren

Frage 1: Wie hoch ist der Kundentakt (die Taktzeit)? Er ist die Messlatte für alle weiteren Entscheidungen. Die geplante Zykluszeit eines Prozesses legen Sie etwas darunter, damit Störungen und Ausschuss noch Platz haben.

Frage 2: Produzieren Sie in einen Fertigwaren-Supermarkt oder direkt in den Versand? Der Lenkungshalter ist ein Standardteil mit täglichem, recht gleichmäßigem Abruf. Deshalb bleibt ein Fertigwaren-Supermarkt, aber begrenzt: ein Tag Abrufzyklus plus ein halber Tag Sicherheit gegen Abrufschwankungen, also 1,5 Tage. Bei kundenspezifischen Teilen würden Sie stattdessen direkt in den Versand fertigen.

Kundentakt = verfügbare Arbeitszeit pro Tag ÷ Kundenbedarf pro Tag = 920 min × 60 s ÷ 920 Stück = 60 s
Fertigwaren-Supermarkt: 1,5 Tage × 920 Stück = 1.380 Stück statt bisher 1.840 Stück (2 Tage).

Frage 3 und 4: Wo fließt es, wo braucht es einen Supermarkt?

Frage 3: Wo ist kontinuierliche Fließfertigung möglich? Prüfen Sie benachbarte Prozesse mit Zykluszeiten in der Nähe des Takts und ohne nennenswertes Rüsten. Schweißen 1, Schweißen 2 und Montage erfüllen das: 39 + 46 + 62 = 147 s Arbeitsinhalt. Sie werden zu einer Zelle zusammengelegt, die FIFO-Bahn und die 1.600 geschweißten Teile entfallen.

Stanzen passt nicht in die Zelle: 1 s Zykluszeit gegen 60 s Takt, lange Rüstzeit, und die Presse versorgt beide Varianten in Losen. Sie würde in der Zelle fast nur warten.

Frage 4: Wo sind Supermärkte mit Pull nötig? Überall dort, wo ein Prozess nicht im Fluss angebunden werden kann. Hinter dem Stanzen liegt deshalb ein Stanzteile-Supermarkt, aus dem die Zelle per Entnahme-Kanban zieht; die Entnahme löst über den Kanban-Post die Nachproduktion aus. Vor dem Stanzen liegt ein Coil-Supermarkt, den das Stahlwerk künftig täglich statt zweimal pro Woche auffüllt.

Mitarbeiter in der Zelle = Arbeitsinhalt ÷ geplante Zykluszeit = 147 s ÷ 56 s = 2,63 → 3 Mitarbeiter Kapazität = 3 × 56 s = 168 s ≥ 147 s (Auslastung 87,5 %)
Warum 56 s statt 60 s? Mit 95 % Verfügbarkeit und 1 % Ausschuss bleibt vom Takt 60 s × 0,95 × 0,99 = 56,4 s. Probe mit der effektiven Zykluszeit: 56 ÷ 0,95 ÷ 0,99 = 59,5 s, also knapp unter dem Kundentakt von 60 s.

Frage 5 und 6: Schrittmacher und Produktmix

Frage 5: An welchem Punkt wird geplant? Nur ein Prozess erhält den Kundenbedarf, der Schrittmacher. Hier ist es die Zelle: Vor ihr wird über Supermärkte per Pull nachgefüllt, nach ihr fließen die Teile in den Fertigwaren-Supermarkt und zum Versand. Die Wochenpläne an Stanzen, Schweißen 1 und Schweißen 2 entfallen; die Planung gibt den Tagesabruf nur noch an die Zelle.

Frage 6: Wie wird der Produktmix am Schrittmacher nivelliert? Statt erst alle linken und dann alle rechten Halter zu fertigen, wechselt die Zelle die Varianten in kurzen Abständen. Das geht, weil die Zelle praktisch rüstfrei ist. Der Gewinn zeigt sich vorne: Das Stanzen sieht einen gleichmäßigen Verbrauch beider Varianten und kann kleinere Lose fahren, der Stanzteile-Supermarkt kommt mit einem Tag aus.

Frage 7 und 8: Pitch und nötige Verbesserungen

Frage 7: Welches gleichmäßige Arbeitspaket geben Sie am Schrittmacher frei? Der Pitch ist die Zeit für einen Versandbehälter. Bei 20 Lenkungshaltern pro Behälter und 60 s Takt sind das 20 Minuten. Die Planung oder der Materialfluss gibt alle 20 Minuten einen Behälter frei, zum Beispiel über eine Heijunka-Box; so fällt eine Abweichung vom Takt nach spätestens 20 Minuten auf statt am Schichtende.

Frage 8: Welche Prozessverbesserungen sind nötig, damit das Design funktioniert? Jede Annahme der vorherigen Antworten wird zu einer Maßnahme mit Verantwortlichem und Termin, im Editor als Kaizen-Blitz an der Stelle, an der sie wirkt.

Pitch = Kundentakt × Packmenge = 60 s × 20 Stück = 1.200 s = 20 min Freigaben pro Tag = 920 min ÷ 20 min = 46
EPEI am Stanzen: Ein Los von 300 Stück reicht für 300 ÷ 460 = 0,65 Tage Bedarf einer Variante. Jede Variante kommt also mindestens einmal täglich dran statt alle drei Tage, und der Stanzteile-Supermarkt mit einem Tag (920 Stück) deckt das mit Reserve.

Ergebnis: Ist und Soll im Vergleich

Die Durchlaufzeit sinkt von 11,3 auf 4,0 Tage: Coils 1,5 + Stanzteile 1 + Fertigwaren 1,5 Tage. Der Bestand ohne Kaufteile sinkt von 10.380 auf 3.680 Stück (1.380 + 920 + 1.380), also um 6.700 Stück oder rund zwei Drittel. Die Bearbeitungszeit der Teile ändert sich kaum; gewonnen wird fast ausschließlich Wartezeit.

Vorsicht beim Wertschöpfungsanteil: Die Zeitlinie summiert die Zykluszeiten auf dem Hauptpfad. Im Soll zählt die Zelle mit ihrer Zykluszeit von 56 s, nicht mit ihrem Arbeitsinhalt von 147 s. Die Bearbeitungszeit in der Zeitlinie fällt deshalb von 153 s auf 62 s (1 + 56 + 5), und der Wertschöpfungsanteil steigt nur von 0,025 % auf 0,028 %. Vergleichen Sie Ist und Soll deshalb über Durchlaufzeit und Bestand, nicht über den Wertschöpfungsanteil.

Umsetzen: in Schleifen planen

Ein Soll-Zustand wird nicht auf einmal eingeführt. Teilen Sie den Wertstrom in Schleifen: die Schrittmacher-Schleife (Zelle bis Kunde) und die vorgelagerten Schleifen (Stanzen mit Supermarkt, Lieferant mit Coil-Supermarkt). Begonnen wird meist mit der Schrittmacher-Schleife, weil sie den Takt für alle anderen setzt.

Für jede Schleife entsteht ein Jahresplan: Ziel, Maßnahmen, Verantwortliche, Termine, Kennzahl zur Kontrolle. Im Editor setzen Sie den Zustand der Karte auf „Soll“, tragen die Maßnahmen als Kaizen-Blitze ein und beziffern den Gewinn über den Ist/Soll-Vergleich. Mit der Simulation prüfen Sie, ob die Supermärkte bei schwankenden Zykluszeiten und Störungen reichen.

Im Editor üben

Öffnen Sie die Demo „Lenkungshalter (Ist-Zustand)“, beantworten Sie die acht Fragen als Kommentare an den Elementen und vergleichen Sie Ihr Ergebnis über „Ist/Soll-Vergleich“ mit der Vorlage „Lenkungshalter (Soll-Zustand)“.

Vorlage im Editor öffnen Leer starten

Kostenlos, ohne Anmeldung, im Browser. Kennzahlen, Zeitlinie und Prüfungen entstehen automatisch.

Häufige Fragen

Welche acht Fragen gehören zum Soll-Zustand?

1. Wie hoch ist der Kundentakt? 2. Fertigwaren-Supermarkt oder direkt in den Versand? 3. Wo ist Fließfertigung möglich? 4. Wo braucht es Supermärkte mit Pull? 5. Welcher Prozess ist der Schrittmacher? 6. Wie wird der Produktmix nivelliert? 7. Welches Arbeitspaket (Pitch) wird gleichmäßig freigegeben? 8. Welche Prozessverbesserungen sind dafür nötig? Die Fragen stammen aus „Learning to See“ von Rother und Shook.

Muss ich die Fragen in dieser Reihenfolge beantworten?

Ja, weil die Antworten aufeinander aufbauen. Ohne Kundentakt lässt sich keine Zelle auslegen, ohne Zelle kein Schrittmacher bestimmen, ohne Schrittmacher kein Pitch festlegen. Frage 8 sammelt am Ende alle Voraussetzungen, die die übrigen Antworten stillschweigend treffen.

Wie viele Mitarbeiter braucht eine Fließzelle?

Arbeitsinhalt ÷ geplante Zykluszeit, aufgerundet. Im Beispiel 147 s ÷ 56 s = 2,63, also drei Mitarbeiter. Die geplante Zykluszeit liegt unter dem Kundentakt, damit Störungen und Ausschuss die Zelle nicht über den Takt bringen.

Warum sinkt die Bearbeitungszeit in der Zeitlinie, obwohl dieselbe Arbeit anfällt?

Die Zeitlinie summiert Zykluszeiten, nicht Arbeitsinhalte. Drei Prozesse mit 39, 46 und 62 s werden zu einer Zelle mit 56 s Zykluszeit; die 147 s Arbeit verteilen sich auf drei Mitarbeiter, die parallel arbeiten. Für den Vergleich von Ist und Soll zählen Durchlaufzeit und Bestand.

Wie groß sollten die Supermärkte im Soll-Zustand sein?

So groß wie der Bedarf im Wiederbeschaffungszyklus plus Sicherheit. Im Beispiel: Coils ein Tag Lieferzyklus plus halber Tag Sicherheit (1,5 Tage), Stanzteile rund 0,65 Tage Losreichweite plus Reserve (1 Tag), Fertigwaren ein Tag Abruf plus halber Tag (1,5 Tage). Den genauen Bestand rechnet der Kanban-Rechner aus.

Selbsttest

1. Mit welcher Frage beginnt die Entwicklung des Soll-Zustands?
Der Kundentakt ist die Messlatte für Fluss, Mitarbeiterzahl und Pitch. Die Maßnahmen folgen erst mit Frage 8.
2. Eine Zelle hat 147 s Arbeitsinhalt, die geplante Zykluszeit ist 56 s. Wie viele Mitarbeiter braucht sie?
147 ÷ 56 = 2,63, aufgerundet 3. Zwei Mitarbeiter hätten nur 112 s Kapazität pro Takt.
3. Warum gehört das Stanzen im Beispiel nicht in die Zelle?
Die Presse ist viel schneller als der Takt und muss rüsten. Sie wird über einen Supermarkt mit Kanban angebunden.
4. Kundentakt 60 s, 20 Stück pro Versandbehälter. Wie lang ist der Pitch?
60 s × 20 = 1.200 s = 20 Minuten. Alle 20 Minuten wird ein Behälter freigegeben.
5. Welche Kennzahl eignet sich am wenigsten für den Ist/Soll-Vergleich, wenn Prozesse zu einer Zelle zusammengelegt werden?
In der Zeitlinie zählt die Zelle mit ihrer Zykluszeit, nicht mit dem Arbeitsinhalt. Die Bearbeitungszeit sinkt daher rechnerisch, der Wertschöpfungsanteil steigt kaum.

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